Meine Lieder 002 - VERKANNTES GENIE - ein Lied im Wandel der Jahre

Als ich 1990 oder 1991 VERKANNTES GENIE geschrieben hatte, lebte man noch im Zeitalter der Musikkassette! D.h. wer etwas Musikalisches in Kleinstauflage (in meinem Fall 50-60 Stück Auflage) veröffentlichen wollte, wählte dieses Medium. Die heute hoch gelobte Vinyl-Schallplatte war einfach zu teuer zu produzieren, wenn man vorhatte, mehrmals im Jahr zu veröffentlichen. Die Kassette war einfach das schnellere und flexibelere Medium.

Allerdings wurde es arroganterweise von den meisten (Möchtegern)-Musikstars aus Berlin nur als eine Art "Arme-Leute"-Schallplatte gesehen. Wenn ich nachdenke, wie viele gepresste Platten nie das Licht der Welt sahen, nur weil so viel Zeit bis zum "Erscheinen" des "Werkes" verging, dass diese Bands oft gar ncht mehr existierten oder nur noch darüber stritten, wer welchen Anteil an den immensen Studiokosten tragen sollte, sehe ich eher Nachteile (für die Musiker - nicht so für die Hörer, das muss ich zugeben). Die Kassetten waren - in diesem meinem Fall - das YOUTUBE von damals, das Internet bzw. www. war die stink-normale Post und Flyer & Fanzines waren vergleichbar mit Websites, Blogs u.ä..Es gab in Berlin auch LORD LITTER, der jeden Sonntag abend zwei Stunden lang Kassetten-Veröffentlichungen aus aller Welt als Radio-DJ auf Radio 100 vorstellte (ja,zu dieser Zeit konnte man noch Radio hören), aber er war in Deutschland einer der wenigen und der einzige ohne Scheuklappen.

Jede Zeit hat ihre Mode- und Schlagworte. Ende der 1980er/ Anfang der 1990er war im wieder vereinigten Berlin plötzlich alles "genial", was später dann "cool" und noch später "awsome" wurde. Wie diese "Eigenschaft" aktuell bezeichnet wird, entzieht sich meiner Kenntnis, was aber unbedeutend für diese Geschichte ist. Mein Lied ist jetzt mehr als ein Viertel-Jahrhundert alt und eines der wenigen, die für mich jetzt noch relevant also spielbar sind. Viele andere meiner Kompositionen haben die Prüfung der Zeit für mich nicht überstanden. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Ob eine Qualität eines Liedes "gut" oder "schlecht" ist, lasse ich außen vor, aber die Tatsache, dass man manche Dinge in seinen Zwanzigern anders sieht als in seinen Fünfzigern, ist offensichtlich. Auch wenn man sich selbst immer nur unwesentlich verändert, so verändert sich doch die Welt, die dieselben oder gleichen Dinge, Geschehen und Menschen immer wieder anders beurteilt. Manchmal passiert es auch, dass der Hörer eine bessere - vielleicht positivere - Deutung des eigenen Liedes hat. So bald man ein Lied vor Leuten spielt oder es in einer anderen Form einer Öffentlichkeit präsentiert, entwickelt es ein Eigenleben. Das kann einem gefallen oder nicht, man hat es nicht mehr unter Kontrolle. Mir ging damals z.B. der inflationäre Gebrauch des Wortes "genial" schon ziemlich auf die Nerven, so dass die eigentliche Bedeutung des Wortes vergessen wurde. Das Wort wurde beliebig, also erklärte ich mich in meinem Lied kurzum zum (verkannten) Genie; eine beliebige Kombination Genie mit der eigenen Person oder dem Gegenüber zu verbinden, genauso beliebig wie eine Verbindung zwischen Fats Domino und Helmut Kohl herzustellen. Ich veröffentlichte das Lied auf einigen Kassetten unter dem Namen BALTUS und spielte es bei einigen der wenigen Auftritten vor meist spärlichen Publikum mit gleichnamiger Band (Besetzung zwei Gitarren &.Schlagzeug). Doch vielfach wurde das Lied so gedeutet, dass man sich selbst oder Andere unterschätzt und "fertig" macht, aberstattdessen einwenden könnte oder sollte: "Gut, ich habe zwar keinen Erfolg, aber deshalb bin ich noch lange kein Idiot!" Das scheint mir allemal eine bessere Einstellung zu sein als die Rechtfertigungs-Floskel "Der Erfolg gibt ihm/ ihr recht!", die ja nichts anderes übersetzt heißt "Ich darf ALLES, aber ich darf mich nur dabei NICHT ERWISCHEN lassen!"

When I wrote my song VERKANNTES GENIE (UNAPPRECIATED GENIUS) in 1990 or 1991, the music cassette was still on top! If a musician wanted to release his songs in a mini-edition (in my case 50-60 piece edition) he chose that medium. The now highly acclaimed vinyl record was simply too expensive to produce, if it was planned to publish several times a year. The cassette was simply the faster and more flexible medium.
However, it was regarded by most musicians in Berlin as a "poor man's"-album - music that was just not "good" enough for a "real" publication on vinyl. But in retrospective I have to disagree to a certain point. How many records which were already pressed were never properly released or distributed because it took too long until their release. How many bands did not survive to see their first (and often only) single record? Back then in the early 1990s music cassettes were my "Youtube", the postman with his snail-mail-delivery was my www. or "internet", photo-copied flyers and reviews in fanzines were the pendant to todays "social" plattforms, blogs and websites. There were few Radio DeeJays who would play music released on mc only. LORD LITTER from Berlin was one of the few in Germany and proably the only one who was open-minded.

Every time has its fashion and slogans. In the reunited Berlin in the early 1990s everything and everybody became GENIAL. A word which was later replaced by similar terms like "awesome" or "cool". My song is now more than a quarter-century old and one of the few which passed the test of time. There are various reasons for songs not passing the test of time.

Whether a quality of a song is "good" or "bad", I will leave out and not argue about but most of us see quite a few things different with increasing age. Even if someone does NOT change significantly the world will change. The value of certain things, persons, behaviors, politics etc. will drop or rise within the years. Constants become fewer and fewer. As soon as a song is played in front of people or presented in a different way to a public, it develops a life of its own. This can please you or not but you have it no longer under control and cannot change that. Sometimes it also happens that some listeners of your songs have a better - perhaps more positive - interpretation of your own song. That happened exactly to this song. It started out as a kind of critical song about the over-use of the word "genial" (derived from "Genius") . People used it in any combination and at any time in the early 1990s so that the original meaning was lost. So I called sarcasticly myself and everybody else a genius in the song lyrics - only that we are unappriciated and without any success. But the song has often been interpreted in a different - more positive - way: "Instead of underestimating yourself or others and put them down you should change your attitude into: "Well, I have no success, but I'm still not an idiot!" This seems to me to be a better attitude than the german "justification phrase" DER ERFOLG GIBT IHM RECHT which means more or less "You can do what you want if you are successfull but don't get caught!" and is a kind of positive anti-thesis to it.

Kommentare

Framat, I had similar experiences putting together my demo tapes and sending them off to record companies and music producers. Thank goodness we now have YT!

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With all the ever-changing data-formats in audio/video it might be become difficult to get the long-livety of records. Until my early 20s I still owned a record player on that I could have played old 78s and that record-player was made in the early 70s (maybe late 1960s). Distributing was always the problem in the "old days". I reach more people with my youtube recordings in 3 days than in 3 month 25 years ago.

Ich bin und war ein Freund dieses Medium. An die Tascam recorder kann ich ich mich auch noch erinnern. Long time gone!
Technischer Fortschritt ist halt Fluch und Segen.In dieser schnelllebigen Zeit kannst Du mit dem alten 'Krempel' wirklich nichts mehr reißen. Aber die analoge Liebenswürdigkeit bleibt...Besitze noch ein paar liebevoll zusammengestellte Kassetten, die ich auch behalten werde.Leider haben die meisten Autoradios keinen Kassettenrekorder mehr, so daß, wenn man mal mit jemandenm mitfährt, seine Schätze hören kann.
Nun gut, ich habe mich auch dem digitalem Format angepaßt. Aber es fehlt etwas...die Wärme!
Gruß, Heino

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Das waren für mich auch die Anfänge mit dem "richtigen" Aufnehmen. Ich war allerdings kein Fan davon. Die ganzen Bandübersprechungen und beim mehrmaligen Versuchen dann die Drop outs, der Bandsalat oder andere Beschädigungen.
Aber immerhin hatte die Kassette sich gut 40 Jahre gehalten und war leicht erhältlich. Wenn ich da an andere Medien z.B. die Mini-Disc denke - ich habe noch so einen Spieler :-(
Meine bespielten Kassetten habe ich immer noch. Nur mein eines Gerät spielt nur noch einen Kanal ab und vieles erhalte ich im Netz.
Ein Fan des Tondangerätes war ich allerdings schon immer bei eigenen Aufnahmen. Hatte allerdings selten Gelegenheit, es dafür zu nutzen. Das klingt nämlich wirklich wärmer.

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