Der (angeblich) ganz normale Alltag - Teil 3 - Glanz und Gloria der Kaiserzeit statt "Platte" in der Wilhelmstraße nahe des Brandenburger Tores

Was berliner Mietern der Wilhelmstraße 56-59 in Berlin-Mitte - nicht wenige von ihnen Erstbezieher der zwischen 1988-92 gebauten Wohnungen - nicht geschafft hatten, gelang jetzt einer Union von Haussperlingen (besser bekannt als "Spatzen") und Mauerseglern: Sie verhinderten den Abriss eines Plattenbau-Komplexes nahe des Brandenburger Tores. Unsere gefiederten Freunde zwingen das Architektenbüro Patzschke und Partner (Hotel Adlon), die B.Ä.R. Grundstücksgesellschaft Berlin mbh, die 2003 die Wohnblöcke der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) abgekauft hatte und die "Imobilienentwicklungsgesellschaft" (Eigenbezeichnung auf der Website) Best Homes Projekt bis Ende August 2016 in die Knie und stoppten einen für März 2016 geplanten Abriss der Plattenbauten, der Platz für das „Palais Berlin“ samt dessen Retro-Look aus der Kaiserzeit machen wird. Grund: Der Bauherr hatte den Artenschutz für besonders gefährdete Tier- und Pflanzenarten ignoriert. Dass diese Art des Ignorierens eher die Regel als die Ausnahme ist, zeigt der folgende Artikel.

Die Mieter und auch der Senat wollten lange den Abriss des letzten DDR-Plattenbau verhindern und wehrten sich z.T. erfolgreich vor Gericht. Eine Abrissvereinbarung, die zwischen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und dem Vorbesitzer des Gebäudes geschlossen worden war, ermöglicht nun aber doch, dass preiswerter Wohnraum zum wiederholtem Male in Berlin vernichtet wird, ohne dass sich irgendeine positive Wende oder Konsequenz für die Zukunft ankündigt. Für mich klingt das so, dass die B.Ä.R. Grundstücksgesellschaft Berlin mbh, die merkwürdigerweise gar nicht mehr beim Namen genannt wird, sondern einfach nur noch als ein anonymer "Vorbesitzer" durch die Presse geistert (z.B. im Artikel "Die Spatzen waren schneller" der Berliner Zeitung von 24.05.2016), diese Abrissvereinbarung mit dem Senat eingegangen ist. Andererseits las ich, eine österreichische Eigentümerfamilie wollte anonym bleiben.

Wie immer, wenn es um Millionen geht, blickt der "Mann oder die Frau von der Straße" nicht durch und wie der Ex-Regierende Wowereit hinzufügen könnte: "Und das ist gut so!" "Weil es genau so gewollt ist!" würde ich dem entgegnen, wenn man mich fragte, was natürlich niemand tut. Was den Piefkes von Aldi mit ihrer Anonymität recht ist (die "aktuellsten" Fotos der Albrecht-Gründer waren schlappe 30 Jahre alt), ist dem k.u.k.-Geld-Adel schon lange billig. Wo kommt man denn hin, wenn der "Pöbel" darüber aufgeklärt würde, wem er es zu "verdanken" hat, dass er wieder einmal ohne Rücksicht auf den sozialen Frieden verdrängt wird.

2012 war die B.Ä.R. Grundstücksgesellschaft schon einmal unangenehm in der Wilhelmstraße 85 aufgefallen: Wie der Berliner Mieterverein berichtete, wurde dort Wohnraum für Ferienwohnungen zweckentfremdet: Von 933 Wohnungen wurden über 250 den Berlin-Touristen für kurzwöchiges bzw. -tägiges Beherbergen gegen Bezahlung zur Verfügung gestellt. Da die B.Ä.R. Grundstücksgesellschaft aber behauptete, die fraglichen Wohnungen wären für einen Zeitraum von drei bis acht Monaten vermietet worden und weil die Gegenseite (der Bezirk) in dem Eilverfahren keine Gelegenheit erhielt, dem zu widersprechen (warum eigentlich nicht?), ging das Gericht davon aus, dass in der Wilhelmstraße 85 "gewohnt" und nicht "beherbergt" wird. Es gäbe nur eingeschränkt hoteltypische Dienstleistungen und Merkmale (Gäste werden mit Bettwäsche und Handtücher versorgt, es gibt eine Rezeption, einheitliche Ausstattung bei den Gardinen angefangen etc. - das alles ist laut Urteil anscheinend typisch für das "normale" Wohnen).

Aber nun zurück zum zukünftigen „Palais Berlin“, das laut des Projektentwicklers von der Mundial AG (schon wieder eine neue oder alte oder andere Firma, die ihre Finger im Spiel hat - jedenfalls eine weitere "Imobilienentwicklungsgesellschaft") nicht unbedingt als Luxusquartier bezeichnet werden sollte, sondern Interessenten "High-End-Wohnen" ermöglichen möchte: „Bestlage in Berlin“, acht Meter hohe Schaufensterfront, bronzeverkleidete Säulen, Natursteinfassade, von Appartements ab 499.000 Euro (ab 40 qm) bis zu 300qm großen Wohnungen auf zwei Ebenen inkl. Terrasse für um die 7.000.000 Euro. Interessant ist, dass dieser Projektleiter das Wort "Luxus" vermeidet und stattdessen den aus der Unterhaltungselektronik stammenden Begriff "High-End" den Vorzug gibt. Denn tatsächlich bedeutet das aus dem Lateinischen stammende Wort u.a. auch "Liederlichkeit" und "Verschwendung".

In der Kaiserzeit ging es einigermaßen liederlich zu: Das Gros der Bevölkerung hatte die Klappe zu halten; die meisten durften solche Häuser nur von außen bewundern oder mussten den Dienstboteneingang nutzen; die Klassen waren stark voneinander getrennt, ohne große Aussicht auf sozialen Aufstieg in die nächst höhere Klasse; der Begriff der Elite(n) wurde gepflegt; wer reich war, wurde reicher - wer arm war, der blieb es in der Regel; Reichtum (ich schreibe hier von "echten" Reichtum wie bei Aldi & Co. oder wenigstens Multimillionären) wie soziales Ansehen wurden nicht durch Leistung erworben, sondern vererbt. Während aber in der Kaiserzeit von dem Reichen nicht erwartet wurde, sich für seinen Reichtum (und damit für die relative Armut Vieler) zu rechtfertigen, ist das heute zwar immer noch immer noch so, aber wenigstens unerwünscht. Immer wieder wurden Versuche unternommen, die Einstellung der Reichen zu ihren Reichtum z.B. durch den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zu ergründen, aber dieses Unterfangen bleibt erfolglos.

Wer reich ist, schweigt - wer arm ist, muss die "Hosen 'runter lassen"; vom über 400 Seiten starken Armuts- und Reichtumsbericht befassten sich grade einmal etwas über 20 Seiten mit den Reichen. In der Hälfte davon wurde über ihre "Wohltaten" wie z.B. Stiftungen und Erschaffung von Arbeitsplätzen berichtet (oder sollte ich eher schreiben "geschwafelt"?).

In der Zeit des letzten deutschen Kaisers gab es das Wort "High-End" noch nicht. Es kommt aus der Technik. Technik zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass Dinge einer Logik folgen und messbar sind. "High-End-Wohnen" ist "State of Art". Wohnen auf höchstem Niveau. Aber man hat sich nicht etwa ein freies Plätzchen gesucht und dort etwas gebaut, nein, man hat bezahlbaren Wohnraum für den "Normalbürger" zerstört, damit man im wahrsten Sinne der Worte "fürstlich residieren" kann. Gut, auf 40 qm kann man nicht unbedingt "fürstlich residieren", aber das Sozialprestige (Ansehen wegen oder sogar trotz ungenauer Gründe) steigt. Ich grenze das Sozialprestige vom sozialen Status (Ansehen durch nachvollziehbare Leistung) bewusst ab, wenn der Energieaufwand in keinem Verhältnis zum Reichtum steht.

"Ich habe einen 12-Stundentag und eine 7-Tage-Woche!" als Begründung für ein Vermögen von 100.000.000 Euro plus reicht meiner Meinung nach nicht so richtig aus, selbst wenn man dann ein sehr fleißiger Mensch ist. Eine High-End-Musik-Anlage kann sich nicht jeder leisten, High-End-Wohnen erst recht nicht. Irgendwann mutiert das Sozialprestige dann zum sozialen Status wie der automatisch immer reicher werdende Multi-Millionär zum Selfmade-Milliardär aufsteigt, dessen Nachricht lautet:"Wir leben in einer Leistungs-Gesellschaft und wer etwas leistet, der kann sich auch viel leisten!" Zu viel in zu vierlerlei Hinsicht wie in der "guten alten Kaiserzeit". Irgendwo schließt sich da der Kreis zwischen Architektur und Weltanschauung.

Luxus geht immer über den üblichen Lebenstandard hinaus; die Frage in Berlin - nicht speziell in Bezug auf diesen Wohnkomplex in der Wilhelmstraße, sondern in Bezug auf die allgemeine Wohnsituation in der Stadt - ist eher: Ist die "üppige Fruchtbarkeit" - eine weitere Bedeutung des Wortes "Luxus" - schon in die "Liederlichkeit" übergegangen? Meine Antwort darauf: "Ja." Zwar gilt für den Spatz - obwohl weit verbreitet - der Artenschutz, denn selbst er steht auf der Vorwarnliste für bedrohte Arten, aber leider gibt es keinen Artenschutz für die Mehrzahl der heutigen Berliner, von denen sich niemand Eigentumswohnungen kaufen oder auf die Dauer leisten kann (Stichwort unsinnige und überteuerte Modernisierungen, die auf Eigentümerversammlungen durchgeboxt werden).

Bei sinkendem Real-Einkommen vermehrt sich diese Art von Berliner sogar. Zwar ist das Individuum bedroht aber nicht die Spezies. Und wer sich so rapide vermehrt, sollte dann eigentlich auch zum Abschuss frei gegeben werden dürfen, bevor er für hart arbeitende Eliten durch seine bloße Anwesenheit zur Plage wird. Mein Gott, jetzt hab ich's: "Es grünt so grün......"

Kommentare

Laut deines Artikels muss es schrecklich sein in Deutschland. Ihr habt es bestimmt schwer. Müsst ihr schon um euer Überleben kämpfen? Du musst Courage und Kraft haben um die Wahrheit im Internet zu veröffentlichen. Weitere deiner Artikel lese ich gern.

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Liebe Elisabeth!
Danke für deinen Kommentar, aber ich habe keine Ahnung, was Du in meinen Artikel herein- oder herausliest, was Überspitzung und was ernst gemeint ist?
Es ist natürlich NICHT schrecklich in Deutschland. Es geht in dem Artikel, um die ersatzlose Zerstörung bezahlbaren Wohnraumes und darum, dass das nicht über Nacht geschieht, sondern langsam aber stetig. In Berlin und Potsdam muss man erstmals 6 bzw. 6,5 % mehr Geld zum Leben als im Bundesdurchschnitt aufbringen. In München sogar 30% (Spitzenreiter). Es kann nicht sein, dass Berliner (geborene und hinzu gezogene) aus ihrer Heimat verdrängt werden, damit einige Wenige Eigentum an Grund und Boden erwerben und auf Wertsteigerung spekulieren, während sie gewachsene Wohnstrukturen ersatzlos vernichten (dürfen), nur des finanziellen Gewinns und Geldes wegen. Und das alles geschieht ohne Gegenwehr des Staates bzw. der Bundesregierung, die sich um das Wohl der hier Lebenden kümmern sollte. Von allen EU-Mitgliedsstaaten ist nur in Bulgarien und Rumänien das Wachsen des Unterschiedes zwischen Arm und Reich größer als in Deutschland. Das "Schreckliche" an alledem ist, dass es schleichend geschieht und sich deshalb niemand erschreckt oder sonderlich aufzuregen scheint. Es geschieht ja nicht nur in Berlin, sondern überall in Deutschland. Der Mittelstand schrumpft wie der Reallohn, aber die Anzahl der Milliardäre wächst. Es macht absolut keinen Sinn zu sagen, den Hartz4-Empfängern in Deutschland geht es besser als einen Arbeiter in Indien, der ums Überleben (im wahrsten Sinne des Wortes)kämpft, es sei denn man beabsichtigt von den wachsenden Reichtum Weniger in Deutschlandund und den damit verbundenen wachsenden Unterschied zwischen Arm und Reich abzulenken oder wenigstens ihn zu relativieren. Ich empfehle einfach mal sich diesen Vortrag "Rechtfertigung von Reichtum und Macht" des Soziologen M. Hartmann anzuhören https://www.youtube.com/watch?v=v0sBSbn1jQo

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