Zum Teil cineastisch - von Pasolini bis Bonanza - Nicht-Aktuelles aus der Film- und Fernsehwelt - Teil 2 - The Big Lift (1950)

Der 1949/50 gedrehte US-Film The Big Lift (Regie: George Seaton) beschreibt das Verhältnis der US-Streitkräfte zur berliner Bevölkerung während der Berliner Blockade, die vom 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949 dauerte. Die Blockade durch die sowjetische Besatzungsmacht war eine Antwort auf die Währungsreform des durch die westlichen Allierten besetzten Deutschlands und West-Berlins. Blockiert wurden Land- und Wasser-Verbindungen nach West-Berlin mit dem Ziel, den wirtschaftlich abhängigen West-Teil der Stadt von dem durch die Westmächte besetzten Teil Deutschlands zu isolieren. Die zwei Hauptakteure sind die Armee-Angehörigen Danny MacCullough (Montgomery Clift) und Henry 'Hank' Kowalski (Paul Douglas). Der Film beschreibt ihr Zusammentreffen mit dem besiegten Feind: deutsche Männer, Frauen und Kinder. Es wird geschildert, wie sich das gegenseitige Verhältnis, die Bewertung des Siegers (der Soldaten) und des Besiegten (der berliner Bevölkerung) während der Luftbrücke entwickeln.

Außer den beiden US-Hauptdarstellern wurden die restlichen Rollen der amerikanischen Seite mit Nicht-Schauspielern (in der Regel also Soldaten und Angehörige der Streitkräfte) besetzt, während die deutschen Charaktere von deutschen Schauspielern verkörpert wurden. Gedreht wurde ausschließlich in West-(und Ost)-Berlin.

Der Name des Regisseurs George Seaton (1911-79) sagte mir zuerst nicht viel oder besser gesagt gar nichts. Nach einer Recherche stellte ich fest, dass er einige mir bekannte Filme gedreht hatte, die ich gut fand. Zwei davon waren wiederum Filme, die mit dem 2.Weltkrieg in einem Zusammenhang standen: The Counterfeit Traitor (Verrat auf Befehl) von 1962 mit William Holden, Lilli Palmer, Klaus Kinski u.a. und 36 hours (36 Stunden) mit James Garner, Rod Taylor, Werner Peters u.a..

Einleitung

Der fast zwei-stündige Film wurde mit Unterstützung des US-Militärs 1949/50 gedreht und hatte im April des gleichen Jahres u.a. in den USA und Frankreich Premiere. In die west-deutschen Kinos kam er aber erst im April 1953 (in Österreich sogar noch einmal 2 1/2 Jahre später). Das lag möglicherweise auch daran, dass man sich lieber mit erfreulicheren Dingen als mit der eigenen Vergangenheitsbewältigung beschäftigte bzw. etwas Zeit brauchte, sich diesen Film so zurecht zu schneiden, dass er deutsche und österreichische Kinogänger in die Filmtheater locken konnte.
Obwohl Propaganda, ist der Film doch relativ fair in der Beurteilung der Deutschen und nimmt manchmal sogar das Verhalten der eigenen Seite etwas kritischer unter die Lupe. Man muss berücksichtigen, dass das Werk grade einmal fünf Jahre nach Kriegsende entstand und schaut man sich im Vergleich dazu Billy Wilders A Foreign Affair (Eine auswärtige Affäre) von 1948 an, stellt man fest, dass dort den Deutschen weitaus weniger Symphatie von Seiten des Regisseurs entgegen gebracht wurde.
Mit Montgomery Clift (1920 - 1966), der hier in seinem vierten Film in seiner vierten Hauptrolle zu sehen ist, weist "The Big Lift" einen späteren Hollywood-Superstar auf. Paul Douglas (1907 - 1959) ist zwar weitaus weniger bekannt, war aber ein vielbeschäftigter Film- und Fernsehschauspieler. Sein bekanntester Film dürfte Clash by Night (Vor dem neuen Tag) von Regie-Legende Fritz Lang (1890- 1976) sein, in dem Barbara Stanwyck (1907–1990) und er die Hauptrollen spielten; eine damals grade aufstrebende Schauspielerin namens Marilyn Monroe (1926 - 1962) ist in Clash by night übrigens in einer Nebenrolle zu bewundern.
Die drei deutschen Charaktere wurden von deutschen Schauspielern verkörpert: Cornell Borchers (1925 - 2014), die eine 10 Jahre lange internationale Filmkarriere mit 22 Filmen vorweisen konnte, Bruni Löbel (1920 - 2006), deren Biografie 136 Film- und Fernsehproduktion umfasste (von Heinz Rühmanns Der Pauker von 1958 bis Ich heirate eine Familie und Forsthaus Falkenau ist alles vertreten) und O.E. Hasse (1903 - 1978), der seine Laufbahn als Filmschauspieler schon in der Stummfilmzeit begann und in allen erdenklichen Filmen auftauchte: Hitchcock, deutscher Kriegs- oder Heimatfilm, die Doktor-Mabuse-Kinofilm-Serie aus den 1960er Jahren oder Gastrollen bei TV-Krimis wie Der Alte.

Handlung Teil 1 - Zwei Air Force Sergeants

Danny MacCullough (Montgomery Clift) und Henry 'Hank' Kowalski (Paul Douglas) sind 1948 auf Hawaii stationiert, als sie zwei Wochen nach Beginn der Berliner Blockade nach Berlin versetzt werden, um dort beim Durchführen der Luftbrücke (The Airlift - daher der Titel The Big Lift) zu helfen. Sergeant Kowalski ist davon alles andere als begeistert und bittet bei seinen Vorgesetzten, von einer Versetzung nach Deutschland Abstand zu nehmen. Natürlich wird dieser Wunsch nicht berücksichtigt. Beim Anflug auf das zerstörte Deutschland und eine Bemerkung eines Kameraden, dass das Land doch arg mitgenommen sei, erwidert Kowalski, es sei für ihn noch nicht zerstört genug und man hätte über Deutschland die Atombombe abwerfen sollen.
Doch die US-Soldaten verrichten ihren Dienst und nach vier Monaten der Aufrechterhaltung der Luftbrücke bekommen drei von Ihnen - stellvertretend für alle US-Soldaten - im Rahmen einer öffentlichen Parade auf dem Tempelhofer Flugplatz ein Präsent von der berliner Bevölkerung überreicht. Einer dieser Soldaten ist Technical Sergeant Danny MacCullough (Montgomery Clift): Er erhält das Geschenk in Form einer Aktentasche von Frederica Burkhardt (Cornell Borchers), einer jungen berliner Trümmerfrau. Der Soldat findet die junge Frau symphatisch; eine arrangierte Reportage für eine US-Zeitschrift über das Leben und Wirken von US-Soldaten im Nachkriegs-Berlin ermöglicht ein Wiedersehen zwischen MacCullough und Frau Burkhardt, die auf Nachfrage des US-Soldaten vorgibt, Witwe zu sein.

Handlung Teil 2 - Zwei Air Force Sergeants und ihre deutschen "Schatzis"

Danny MacCullough (Montgomery Clift) und Henry 'Hank' Kowalski (Paul Douglas) haben deutsche Freundinnen - Frederica Burkhardt (Cornell Borchers) und Gerda (Bruni Löbel). Kowalski hat zwar seine Abneigung gegenüber allem Deutschen noch immer nicht überwunden, das ständige Händeschütteln mit dem ehemaligen Feind kostet ihn Selbstüberwindung (oft schlägt er den Handschlag deshalb aus, sogar als MacCoullough ihm seine deutsche Freundin vorstellen will), aber vier Monate ausschließlich unter Männern sind für ihn keine Alternative und die einzigen Frauen, die für ihn zur Verfügung stehen, sind nun einmal deutsch. Für ihn ist die Bekanntschaft mit Gerda daher eher ein "Biss in den sauren Apfel". Auf MacCullough's Frage warum er sich mit keiner amerikanische Sekretärin verabredet, erwidert er, diese seien zu emanzipiert, während Gerda ihn mehr oder minder auf "Befehl" trifft, redet oder schweigt.
MacCullough hat sich dagegen in seinen "Schatzi" verliebt und zeigt Emphatie (auch mit den Besiegten), wenn er z.B. über die Auslagen in den Lebensmittelgeschäften sagt : "Eigenartig, wenn man unsere Lieferungen in den Geschäften sieht, erscheint alles so wenig." Obwohl sie durch Kowalski der Lüge überführt wird (ihr Vater war nie ein Professor, dessen Bücher der Bücherverbrennung zum Opfer fielen, sondern er verließ ihre Mutter und sie, weil die Mutter Polin war), will der US-Soldat MacCullough Frederica Burkhardt heiraten und ihr damit die Übersiedlung in die USA ermöglichen. Auf Einwände seines Freundes Kowalski erwidert er, er brauche nur die Erlaubnis des Militärs nicht die seines Freundes.
Dass die Heirat und die damit verbundene ersehnte Auswanderung Frederica Burkhardts dennoch nicht klappt, liegt daran, dass sie wiederum der Lüge überführt wird: Sie ist keine Witwe, sondern ihr Gatte ist quicklebendig und hat in St. Louis bereits ein Geschäft eröffnet, in dem er Kameras zum Kauf anbietet. Obendrein hatte er sich noch vor dem Weltkrieg freiwillig zur SS gemeldet, wie Kowalski bereits recherchiert hatte. Der entscheidende Punkt ist aber, dass ein Briefwechsel zwischen Federica und ihrem Mann, der sich jetzt anscheinend Mirbach nennt, stattgefunden hatte: Darin wird klar, dass die angestrebte Heirat mit dem US-Soldaten nur Mittel zum Zweck sein sollte, um in die USA zu gelangen. Dieser doppelte oder besser gesagt wiederholte Vertrauensbuch ist dann natürlich das Ende der Verbindung und des Films.

Entwicklung der Charaktere Teil 1 - Frederica Burkhardt

Bei Frederica Burkhardt gibt es in dem Sinne keine Entwicklung. Sie hat zwei Gesichter oder vielleicht sogar noch mehr; je nachdem wie es am besten passt. Konnte der Zuschauer noch nach der ersten Lüge über die Herrkunft des Vaters, darüber dass der Ehemann kein SS-Mann war, sondern stattdessen ein gezogener Wehrmachtssoldat etc., ihr nur eine Art von Opportunismus (negativ) oder Verzweiflung/Scham (eher gutwillig) unterstellen, so wird gegen Ende des Filmes klar: Sie scheint eher so zu sein, wie es Sergeant Kowalski am Anfang des Films allen Deutschen unterstellt hat: Jeder Deutsche tut so, als wenn er nichts mit dem Nazi-Regime zu tun hatte, niemand war in der SS, jeder hat Ausschwitz oder Belsen vergessen, aber kann sich noch genau daran erinnern, dass es letzte Woche kein Fleisch in den Geschäften gab; "Man kann den Deutschen generell nicht trauen!" so das Fazit des Sergeant Kowalski überlange Strecken der Filmhandlung.
Im Falle Frederica Burkhardt kommt erschwerend hinzu, dass sie wohl möglich außerdem noch die alte Nazi-Ideologie so weit verinnerlicht hat, dass sie nur aus taktischen Gründen ihren Freund MacCoullough nichts entgegnet, als dieser sie sarkastisch darauf hinweist, in der Siegesallee (heutige Straße des 17.Juni) sei wegen der Zerstörung der Heldendenkmäler und (des Tiergartens allgemein) nicht mehr viel vom Sieg zu spüren. Allerdings ist dieser untypische Anfall von Sarkasmus von Danny MacCullough (Montgomery Clift) nur eine Reaktion auf Fredericas Ausführungen wie "herrlich" (im wahrsten Sinne des Wortes) diese Siegesalle mit all ihren Heldendenkmälern vor dem Krieg war.

Entwicklung der Charaktere Teil 2 - Technical Sergeant Danny MacCullough

Diesen Charakter stellt Montgomery Clift als einen offenen ohne Vorurteile dar. Wie bereits erwähnt zeigt er Empathie mit den besiegten und hungernden Deutschen, versetzt sich also in deren Lage, um sie zu verstehen. Er lässt nicht den Sieger "heraus hängen" wie sein Kumpel Kowalski und wird von ihm genötigt, deutschen Fussgängern nicht auszuweichen, wenn diese ihm auf dem Gehweg entgegen kommen. Der Film zeigt, diese Offenheit wird von den oder zumindest einigen Deutschen als Naivität gewertet und bringt den Soldaten in für ihn unangenehme Situationen, in die sein Kamerad Kowalski nie gekommen wäre.
Nicht nur, dass Frederica versucht, ihn als nützlichen Idioten für ihre angestrebte Immigration in die USA zu mißbrauchen, nein, der Technical Sergeant gerät durch die Ungeschicklichkeit eines Plakate klebenden, deutschen Arbeiters später in Bedrängnis, weil dieser ihm die Uniform ruiniert und ihn zwingt, unerlaubt im Ost-Teil der Stadt in Zivil seiner Uniform nach zu jagen. Alles nur, weil er einen Kollegen des Arbeiters eine Zigarette angeboten hatte, als dieser sich nach einer weg geworfenen "Kippe" bückte. Heutzutage würden einige Kreise diesen Mann verächtlich als Gutmenschen bezeichenen. Wahrscheinlich auch Kowalski, wenn er damals diesen Ausdruck gekannt hätte und es ihn schon gegeben hätte. Wie sagte Letzterer doch sinngemäß am Ende des Filmes:"Du warst ein bißchen zu gutgläubig gegenüber den Deutschen und ich war etwas zu ungerecht. Das Ideal liegt wohl irgendwo dazwischen." Trotz seiner enttäuschenden Erfahrung mit Frederica hat der Zuschauer das Gefühl, das MacCullough das "Dazwischen" nicht unbedingt in der Mitte ansiedeln wird, sondern nur leichte Kurs-Korrekturen vornehmen wird, zumal seine Rückkehr in die USA nur wenigen Minuten bevor steht und obwohl er kurz zuvor noch Kowalski beim Verabschieden recht mit seiner alten Sicht auf die Deutschen gegeben hat.

Entwicklung der Charaktere Teil 3 - Master Sergeant 'Hank' Kowalski

Der Master Sergeant macht - genau wie sein deutsches "Schatzi" Gerda, die er ausschließlich als "Gerdy" anspricht, die größte Entwicklung durch. Seine Grobheit gegenüber den Deutschen ist nicht einem schlechten Charakter geschuldet, sondern ist darin begründet, dass er als Kriegsgefangener, den Mißhandlungen eines Wärters ausgeliefert war.
Interessanterweise wird dieser Wärter nicht als typisch-deutscher Wärter von Kowalski bezeichnet, als er diesen im Tiergarten stellt und aus Rache dann selbst mißhandelt, nachdem er ihn zufällig in einem Club wieder erkannt hat, sondern als einen Außenseiter, der wegen seines hinkenden Beines seinen Privat-Krieg gegen amerikanische Kriegsgefangene ausgetragen hatte, da er wegen seiner Behinderung für nicht wehrdiensttauglich erklärt worden war.
Kowalski fühlt sich nach seiner Rache zu seinem Erstaunen nicht befriedigt, sondern schlecht, was Gerda als positive Eigenschaft ihres Freundes ansieht und ihm auch mitteilt. An einer Stelle sagt er: "Wenn ich falsch liege, dann gebe ich das auch zu!" Und in der Tat ist er selbstkritisch genug einzusehen, dass er genau wie die von ihm verachteten Nazis Gerda wie ein unmündiges Kind behandelt, dass zu schweigen und zu gehorchen hat. Im Prinzip lebt er Demokratie, auch wenn er manchmal vergisst, was das bedeutet und auf Gerdas Frage, was denn Demokratie nun eigentlich sei, nur hilflos stammelt: "Demokratie ist eben Demokratie!" und dann öfters hinzufügt, Demokratie sei, andere Meinungen als die eigene aushalten zu können.

Entwicklung der Charaktere Teil 4 - Gerda

Gerda arbeitet in einem Imbiss und ist die Freundin von Kowalski. Sie ist eine verunsicherte, junge Frau, die von sich behauptet, dass sie jetzt zwar erkennt, was schlecht an Nazi-Deutschland war, aber noch nicht weiß, wie man es auf die Dauer alleine besser machen könnte. Sie ist ungeübt mit Begriffen wie Demokratie, Meinungsfreiheit und so richtig scheint ihr der Unterschied zwischen den Westmächten und der sowjetischen Besatzungsmacht auch noch nicht zu sein. Aber zum Glück gibt es ja Kowalski, der ihr den Unterschied klar macht, auch wenn er manchmal falsch verstanden wird oder über die ganz eigene Logik von Gerda, die ja Demokratie in Deutschland (ganz zu schweigen von den USA) auf Grund ihres jugendlichen Alters nie so richtig kennen gelernt hat, verzweifelt.
Aber Gerda, die weitaus weniger intelligent als Frederica ist, macht im Gegensatz zu ihr eine postive Entwicklung in Sachen Aufarbeitung der Nazizeit durch. Sie will auch nicht um jeden Preis aus dem zerstörten Berlin fliehen, um sich in Amerika ins gemachte Nest zu setzen, wie Frederica. (Tja Flüchtlinge, sofern sie nicht hoch qualifiziert sind, waren noch nie sonderlich willkommen, selbst wenn sie wie in diesem Falle zu der größten (deutschen) Minderheit des damaligen Einwanderungslandes USA gehörten). Sie argumentiert bei der Verabschiedung von Sergeant MacCullough auf dessen "Auf Wiedersehen!" "Nein, wir werden uns nicht wiedersehen! Wenn alle weggehen, wer baut dann das "neue" Deutschland auf?!"

Entwicklung der Charaktere Teil 5 - Stieber

Stieber (O.E. Hasse) ist ein sehr unangenehmer Charakter: Schmierig-freundlich nach Außen; ein Opportunist durch und durch; verlogen und verschlagen.
Nie grade heraus, möchte man diesen Menschen im III.Reich nicht als Nachbarn gehabt haben (und zu anderen Zeiten auch nicht). Er ist der Nachbar von Frederica Burkhardt und wird ihre Auswanderung sabotieren. Seine jetzige Tätigkeit als russischer Spion scheint "harmlos" zu sein: Er zählt die ankommenden US-Transportmaschinen im Namen der Sowjets und bekennt sich "offen" zur Spionage im Westen, aber im Grunde könnte das auch eine Strategie sein, um dem Gegner "den Wind aus den Segeln zu nehmen". Der Film erklärt es nicht genauer, aber Stieber ist es, der den Brief, der Frederica Burkhardts wahre Absichten dokumentiert, unter falschen Angaben in seinen Besitz bringt und ihn MacCoulough zukommen lässt. Anscheinend ist das seine Natur und wie Gerda einmal behauptet, sei das in der Nazizeit an der Tagesordnung gewesen.
Worin könnte nun die Entwicklung Stiebers bestehen? Vielleicht darin, dass er als Opportunist nun einfach die Seiten wechseln will: Die sowjetische Blockade ist gescheitert, also will er sich möglichst schnell bei einem US-Soldaten beliebt machen bzw. "Unrecht" aufdecken, um seine Effektivität unter Beweis stellen. Moralische Skrupel hat er nicht, was ihn zum Spion prädestiniert. Ein Weiterlaufen der Karriere als Spion in Diensten der USA oder des Westens scheint nicht ausgeschlossen.

Meine Nachbetrachtung und Kritik

Natürlich ist der US-Film ein Propaganda-Film, der für ein US-Publikum gedreht wurde. Ein Propaganda-Film vereinfacht stark und fünf Jahre nach dem 2.Weltkrieg kann natürlich nicht alles "Okay" mit Deutschland und den Deutschen sein. Vieles wie der Schwarzmarkt-Schmuggel (z.B. "Kaffee"-Szene in der S-Bahn) oder auch das Denunzieren durch Nachbarn (sei es in der Nazi-Zeit oder danach) kennt man als Deutscher (egal ob Ost oder West) aus Berichten und Erzählungen von Zeitzeugen, die oft genug aus der Verwandschaft kommen. Auch das Schönen der eigenen Biografie ist keine Propaganda: Kurioserweise war eine der Konkurrentinnen von Cornell Borchers um die Rolle der "Frederica Burkhardt" die heute ungleich bekanntere Hildegard Knef (1925 - 2002), die als 19-jährige eine Affäre mit Ewald von Demandowsky, 36, NSDAP-Mitglied, Produktionschef des Tobis-Filmstudios, Goebbels-Protegé und zeitweilig „Reichsfilmdramaturg“ bis Kriegsende hatte. (Demandowsky wurde übrigens 1946 von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tod verurteilt und in Berlin erschossen). Anhand dieser Biografie zeigen sich schon Parallelen zur weiblichen Hauptrolle im Film und Frau Knef wird, ebenso wie der Charakter in "The Big Lift" diesen Teil ihrer Biografie nicht unbedingt in ihren Lebenslauf geschrieben haben, als sie sich im Jahr darauf für Decision Before Dawn (Entscheidung vor Morgengrauen) bewarb.

Immerhin knallen die Deutschen in The Big Lift nicht mehr dauernd die Hacken zusammen, wie sie es bei Billy Wilder in A Foreign Affair taten. Aber eine Heirat mit einer Deutschen sollte man als US-Soldat doch nicht überstürzen - so die Moral des Filmes. Die ersten 25 Minuten des Films kann sich der Zuschauer schenken, der nur an der eigentlichen Geschichte zwischen McCoullough und Frederica interessiert ist. Davor wird eben ein bißchen Wochenenschau-Material gezeigt oder US-Soldaten beim Verrichten ihres Luftbrücken-Dienstes inkl. Erklärung diverser technischer Geräte der US-Luftwaffe.

Zum 60.Jahrestag der Beendigung der Berliner Blockade durch die Luftbrücke schrieb die berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel einen Artikel, in dem er den Film für seine authentischen Bilder lobte, aber sonst als naiv-kitschig bezeichnete. Link - Tagesspiegel-Artikel "Big Lift"
Der Meinung bin ich nicht ganz: Naiv: ja - kitschig: nein. Interessant an diesem Artikel des Tagesspiegels von 2009 ist allerdings der Hinweis, dass dieser Film erst als gekürzte Version unter dem Titel Es begann mit einem Kuss in die deutschen (und vermutlich auch österreichischen Kinos) kam und dass dort die Geschichte ein Happy End für den Charakter Frederica hatte (Die Heirat mit dem Waffen-SS-Soldaten wurde verziehen und die Ausreise in die USA war möglich oder vielleicht war der Gatte auch als Gefreiter der Wehrmacht dann doch in Russland gefallen? Ich habe darüber keine Informationen). Das Lexikon des internationalen Films bescheinigt - ja welchem Film jetzt eigentlich (The Big Lift oder der gekürzten und völlig verdrehten deutschen Version Es begann mit einem Kuss): „Berliner Zeit- und Lokalkolorit machen den oberflächlichen, pathetischen, nach einem Tatsachenbericht gedrehten Film immerhin ansehenswert.“ Obwohl ich diese erste gekürzte und umgeschriebene Version von diesem Film nicht kenne, ist diese Beschreibung wohl in diesem Falle zutreffend, wenn Es begann mit einem Kuss gemeint ist .
Übrigens...diese Art von US-Propaganda und den leichten Anflug von Sieger-Pathos hat bestimmt auch Billy Wilder's A Foreign Affair behaupte ich einfach mal, ohne den Film jetzt daraufhin angeschaut zu haben.

Wieso empfehle ich jetzt diesen Film?

Zum einem jährt sich wieder einmal im Mai der Jahrestag der Luftbrücke. Zum anderem sieht man, eine vollkommen zerstörte Großstadt, hungernde Menschen (Männer, Frauen, Kinder); Leute, die ins Ausland immigrieren wollen, Schwarzhandel, Denunziation auf der einen Seite - Schönfärben von Lebensbiografien auf der anderen Seite, um z.B. eine Ausreise zu erlangen. Das alles passierte nicht weit weg auf einem anderen Kontinent oder ist schon so lange her, dass es keine Zeitzeugen mehr gäbe.
Nein, die Stadt ist Berlin. Man sieht den Tiergarten, vielen nur als Veranstaltungstort der Loveparade bekannt oder die Skalitzer Str. im angesagten Kreuzberg; wenn die Rosinen-Bomber über ein zerstörtes Neukölln (der neue berliner "In"-Bezirk, der bald genauso gentrifiziert sein wird wie der Prenzlauerberg) in Richtung Flugplatz Tempelhof fliegen, sieht man am Horizont den Gasometer, in dem der TV-Prominente G. Jauch seine Talkshow in Schöneberg veranstaltete. Und wenn sich Sergeant Kowalski dann darüber beklagt, dass diese Stadt noch nicht genug zerstört sei und fragt, warum man diesen Menschen dort überhaupt helfen sollte, dann spricht er eben nicht über Afghanen oder Syrer sondern über Deutsche.
So gesehen ist Rückbesinnung nicht gleichbedeutend mit Nostalgie, die vielleicht den Blick trübt, sondern kann sogar den heutigen Blick schärfen, d.h. Gedanken, Gefühle, Motive und Persönlichkeiten anderer helfen, zu verstehen. Zur Qualität des Films als solchen möchte ich sagen: Es ist klar, dass nicht alle zwei Monate ein Film wie Citizien Kane o.ä. verfilmt wurde, trotzdem ist der Rest nicht unbedingt Schrott, weil alt und in Schwarz/Weiß.

Kommentare

Den Film habe ich habe ich vor so vielen, vielen Jahren gesehen, werde ihn mir aber jetzt nicht ansehen, aber in meiner playlist 'movies' speichern. Ich glaube, daß mein Großvater ihn damals mit mir gesehen hat..irgendwann in den Siebzigern. Danke für den Hinweis, Frank

Bild des Benutzers framat

Es lohnt sich, ihn anzusehen z.B. am 3.10 oder 9.11. (13.08. und 17.06. sind ja schon vorbei, genau wie Anfang & Ende der Blockade). Das sind alles Daten, die mit der deutschen Geschichte zu tun haben.

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